Drei Fragen an Gabriel Braeuner

Gabriel Braeuner, Historiker und Ständiger Sekretär der Académie d’Alsace, ist seit 2026 Mitglied in unserem Verein.

Herr Braeuner, würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich bin Historiker, ehemaliger Stadtarchivar von Colmar und war anschließend Direktor für Kulturangelegenheiten sowie Beigeordneter Generaldirektor der Stadt Colmar (1971–2008). Ich stamme aus Straßburg und bin heute Ständiger Sekretär der Académie d’Alsace (Literatur, Wissenschaft und Kunst). Darüber hinaus bin ich Ehrenpräsident der Freunde der Humanistischen Bibliothek von Sélestat, einer Stadt, deren Ehrenbürger ich bin.

Als korrespondierendes Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg war ich viele Jahre lang einer der Mitverantwortlichen des Netzwerks der Geschichtsvereine am Oberrhein. 2004 wurde ich zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt, 2013 erhielt ich den Bretzel d’Or.

Wie beurteilen Sie die Europäische Kulturstraße Heinrich Schickhardt und ihr Anliegen, das Werk dieses bedeutenden schwäbischen Architekten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts bekannt zu machen?

Ich sehe diese Initiative äußerst positiv und halte sie für unterstützens- und förderungswürdig. Die Kulturstraße steht für den Willen zu einer grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit und führt uns den Oberrhein wieder als seinen natürlichen historischen und kulturellen Raum vor Augen – eine Region, die im Mittelalter von der rheinischen Mystik, vom Humanismus der Reformationszeit, von der Renaissance in Architektur und Malerei sowie später von der Aufklärung und den Lumières geprägt wurde. Zugleich ist sie ein zentraler und symbolträchtiger Ort der deutsch-französischen Versöhnung und des europäischen Einigungsprozesses nach zwei Weltkriegen, die unsere Identität und unser gemeinsames Schicksal tief geprägt haben.

Die Kulturstraße bietet zudem eine hervorragende Gelegenheit, die städtebaulichen und architektonischen Leistungen dieser Region bekannt zu machen und einen außergewöhnlich begabten Architekten mit einem beeindruckenden und vielseitigen Werk – Kirchen, Schlösser, Residenzen, Brücken, Brunnen, Wohnhäuser und vieles mehr – stärker ins Bewusstsein zu rücken. In Frankreich ist Heinrich Schickhardt trotz seiner bedeutenden Bauwerke in Mömpelgard (Montbéliard), die er im Dienst der Herzöge von Württemberg schuf, noch immer zu wenig bekannt.

Portait gabriel braeuer

Die Kulturstraße steht für den Willen zu einer grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit …

Wie möchten Sie Heinrich Schickhardt in einem Ihrer nächsten Beiträge darstellen?

Ich möchte ihn zunächst in seine Zeit einordnen – in die Epoche zwischen 1550 und 1650, eine Schlüsselphase der europäischen Geschichte, deren tragischer Höhepunkt der Dreißigjährige Krieg war. Heinrich Schickhardt selbst verlor in diesem Krieg sein Leben: Er wurde leider von Soldaten ermordet.  Um sein Leben und sein Werk besser verständlich zu machen, erscheint es mir wichtig, sie in den erweiterten Rahmen einer vergleichenden französischen, deutschen, europäischen und weltgeschichtlichen Chronologie einzuordnen. Dadurch lassen sich Heinrich Schickhardts Lebensweg und Schaffen in ihrem geografischen und historischen Umfeld angemessen würdigen.