Als Heinrich Schickhardt (1558–1635) lebte, gab es in Europa kein einheitliches Maßsystem. Was heute Quadratmeter und Hektar sind, war damals ein Flickenteppich regionaler Maße. Für Schickhardt bedeutete das: Er musste verschiedene Einheiten nicht nur kennen, sondern sie auch souverän ineinander umrechnen können.
Für einen Bauingenieur wie Schickhardt war das eine echte Herausforderung, besonders bei der Planung von Städten, Gebäuden oder der Vermessung von Land.
Die wichtigsten Flächenmaße im süddeutschen Raum
Der Morgen
- Das wichtigste landwirtschaftliche Flächenmaß.
- Beschreibt die Fläche, die ein Mann an einem Morgen (Vormittag) pflügen konnte.
- Je nach Region ca. 25 bis 35 a (2.500–3.500 m²) – aber der Wert schwankte teils erheblich.
Der Jauchert (oder „Juchart“, „Joch“)
- In Schickhardts Karten taucht der Begriff regelmäßig auf.
- Ebenfalls ein landwirtschaftliches Maß.
- Im württembergischen Raum meist etwa doppelt so groß wie der Morgen, also rund 60–70 a – jedoch stark regional unterschiedlich.
Der Acker / Ackerstück
- Größe variierte stark und war oft lokal geregelt.
- Keine feste Einheit, sondern ein praxisbezogener Flächenbegriff: ein zusammenhängendes Feldstück.
Der Quadratruten- oder Rutenmaß-Bezug
Viele Vermessungen wurden über Längenmaße abgeleitet, vor allem über die Rute.
- 1 Rute im süddeutschen Raum: ca. 3–4 m
- 1 Quadrat-Rute: entsprechend 9–16 m²
- Viele Flächenangaben wurden als „so-und-so-viele Ruten“ ausgewiesen.
Für Landvermessungen und Stadtgründungen bedeutete das: Umrechnungen waren Alltag. Schickhardts eigene Karten zeigen, dass er oft lokale Maße verwendete, um vor Ort verständlich zu bleiben.
Warum so viele Maße?
Schickhardt war im Herzogtum Württemberg, im Elsass, in Montbéliard/Mömpelgard sowie in Teilen von Burgund und Lothringen aktiv. Jede dieser Regionen hatte eigene Längen- und Flächenmaße – etwa unterschiedliche Ruten, Morgen oder Jauchert – die sich teils stark voneinander unterschieden.
Für seine Vermessungs- und Planungsarbeiten bedeutete das: Er musste parallel mit mehreren regionalen Maßsystemen umgehen, sie umrechnen und für seine Pläne vereinheitlichen. Das erklärt, warum Schickhardt sowohl geometrische Raster (als überregional verständliches System) als auch lokal gültige Maße (für Handwerker und Behörden vor Ort) einsetzte.
Schickhardt als Vermesser: praktische Anwendung
Bei der Stadtplanung – beispielsweise in Freudenstadt – arbeitete Schickhardt mit klaren Rasterstrukturen. Diese Raster wurden dann in lokale Maßeinheiten wie den „Schuh“ oder „Fuß“ übertragen, aus denen wiederum Flächen berechnet wurden.
In der Landesvermessung Württembergs, an der Schickhardt beteiligt war, wurde dagegen häufig über Ruten und Morgen gearbeitet. Die Grenzvermessung, die er mehrfach durchführte, erforderte genaue Trassierungen:
- Wegbreiten in Schuh oder Fuß
- Flurstücke in Ruten und Morgen
- ganze Gemarkungen in Jauchert
Die Kunst war, aus den linearen Messungen vor Ort (Seile, Messstangen, Ruten) präzise Flächenwerte zu gewinnen.
Maße waren nicht standardisiert
Wenn Schickhardt etwa eine Fläche von „2 Morgen“ notierte, hieß das je nach Region etwas völlig anderes. Deshalb:
- vermerkte er oft die Quelle des Maßes (z. B. „Württ. Morgen“)
- verwendete in seinen Plänen beschriftete Maßstäbe, nicht abstrakte Einheiten
- nutzte geometrische Raster, die unabhängig von der lokalen Einheit funktionierten
- konnte er schnell zwischen den Systemen wechseln – eine Schlüsselkompetenz für Ingenieure seiner Zeit
Schickhardt war damit ein früher Spezialist im Umgang mit multiregionalen Maßsystemen.
