Alle dachten, er sei tot: die mysteriöse Reise Schickhardts
Als „Baumeister von Mömpelgard“ war Schickhardt vor allem in den „Ländern jenseits des Rheins“ tätig – in der Grafschaft Montbéliard und den elsässischen Herrschaftsgebieten.
Daneben wurde er für Sonderaufträge ins Herzogtum Württemberg berufen, etwa zur Kartierung des Neckars zwischen Cannstatt und Heilbronn (1598) oder zur Planung der Stadt Freudenstadt (1599). Seine Teilnahme an der Italienreise des Herzogs (1599–1600) festigte seinen Einfluss weiter.
Nach seiner Rückkehr häuften sich die Aufgaben: Neben der Bauleitung in Montbéliard und Württemberg dokumentieren Spesenblätter (etwa zwanzig zwischen 1598 und 1608) seine häufigen Reisen.
Am 4. August 1602 (25. Juli julianisch) verließ Schickhardt Montbéliard – begleitet vom Boten Simon – Richtung Stuttgart. Als er nach Monaten nicht zurückkehrte, verbreitete sich das Gerücht, er sei tot.
Der Herzog plante anderes
Schickhardts Reise begann mit einer unerwarteten Wendung: Statt nach Stuttgart zu reiten, führte sein Weg ihn nach Durlach, die Residenz der Markgrafen von Baden-Durlach. Nach einer Übernachtung in Hügelsheim, westlich von Baden-Baden, wird der Architekt nach Maulbronn gerufen, wo er neue Anweisungen erhält.
Am nächsten Morgen reitet er wieder nach Durlach. Er trifft den Architekten des Markgrafen sowie zwei Bauleiter bei einem Essen in einer Herberge der Gesellen und begibt sich danach auf Befehl des Herzogs nach Maulbronn.
Währenddessen in Montbéliard
Die Monate August und September verstreichen ohne eine Nachricht von Schickhardt. Im Oktober macht sich ein Gerücht in der Stadt breit: wenn Schickhardt noch nicht zurück ist, so heißt das, dass er tot ist!
Am 26. Oktober entschließen sich Burgvogt und Bauverwalter zu handeln. Ein Bote namens Conrad Doll wird abgesandt um zu überprüfen, ob das Gerücht begründet ist: ist der Baumeister „thot oder lebendig“? Falls er tot ist, was wird dann mit den Baustellen, die er in der Stadt begonnen hat ?
Die Antwort kommt drei Wochen später. In den Abendstunden des 15. November kommt Schickhardt wieder in der Hauptstadt der Grafschaft an. Er lässt sich von „Soldaten“ ein Tor aufmachen – sicherlich das auf der großen Brücke – und dankt ihnen mit 24 Kreuzer Trinkgeld.
Das waren die Gründe
1602 wollte Friedrich von Württemberg Ländereien, die dem Markgrafen von Baden-Durlach gehörten, gegen zwei kleine in der Markgrafschaft eingeschlossene württembergische Besitzungen eintauschen.
Die Leute des Markgrafen wollen die badische „Rute“ geltend machen (Maßeinheit), die jedoch kleiner war als die vereinbarte württembergische und es gab Versuche, nicht zur Markgrafschaft gehörende Ländereien einzubeziehen.
Schickhardt deckte diese Unregelmäßigkeiten auf und dokumentierte den Streit in seinem Inventarium.
Er selbst schrieb dazu:
Während dieser langen Zeit, vom 30. Juli bis 10. November, musste ich mich mit der Frage der in der Markgrafschaft gültigen Maßeinheit beschäftigen.
Der Kaufvertrag wurde schließlich erst am 4. Februar 1605 (25. Januar julianisch) unterzeichnet – zweieinhalb Jahre später.
Diese Anekdote zeigt, welchem enormen Druck der Architekt und allgemein die herzoglichen Arbeiter unter Friedrich von Württemberg ausgesetzt waren.